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Alt oder krank? Symptome, die zum Therapeuten führen sollten

Norton will nicht ins Auto. Er steht vor dem offenen Heck, aber anstatt hineinzuspringen, tippelt er ängstlich hin und her. Erst, als Frauchen laut wird, macht Norton einen Satz hinein.

Zwölf Jahre alt ist der Golden Retriever-Rüde. Sein Leben lang liebte er es, mit dem Auto zu fahren. Frau M. kann sich gar nicht erklären, warum ihr sonst so fröhlicher Vierbeiner jetzt plötzlich nicht mehr will. Was sie nicht weiß: Wie bei vielen größeren Hunden haben sich bei Norton altersbedingt Wirbelsäulenprobleme entwickelt. Sprünge verursachen Schmerzen im Lendenwirbelbereich. Davor hat Norton Angst, und deswegen verweigert er den Sprung ins Fahrzeug.

Das erklärt auch der Tierarzt, als Frau M. ihren Goldie endlich vorstellt. Sie runzelt die Stirn: „Aber er winselt doch nie!“ Dieser Irrtum unterläuft sehr vielen unerfahrenen Hundehaltern. Sie erwarten, dass der Hund sich bei Schmerzen ähnlich verhält, wie ein Mensch. Der legt sich die Hand auf die Hüfte und stöhnt, dass es heute wieder besonders zwickt. Kein Zeitgenosse kann das Leid übersehen, denn „man“ redet über seine Beschwerden.

Der Hund aber leidet still. Seine Sprache ist subtil, seine Zeichen sind enorm vielfältig und nicht nur deswegen schwer zu deuten. Das Vermeiden bestimmter Bewegungen ist nur eines. Andere Anzeichen für Schmerzen können so aussehen:

Bei chronischen Schmerzen:

– veränderte Sitzhaltung

– Schwierigkeiten beim Hinlegen/-setzen und Aufstehen

– Bewegungsstörungen wie Lahmheit oder Ataxie

– Vermeidung einer bestimmten Gangart

– Neigung zum Passgang

– Vermeidung von Spiel und Sport

– fehlende Ausdauer

– Vermehrtes Kratzen oder Belecken einzelner Gliedmaßen oder Gelenke

– Zögern vor dem Sprung z.B. ins Auto

– Schleckanfälle

– Zurückgezogenheit

– Ungewohntes Ausweichen bei Berührungen, Vermeidung von Körperkontakt

– Ungewöhnliches Verhalten wie Unruhe oder Apathie

– Aggressivität gegen Artgenossen

 

Bei akuten Schmerzen sind die Symptome deutlicher:

– Plötzliches Aufschreien oder Winseln

– Humpeln

– Appetitlosigkeit

– Schnelle oder sehr flache Atmung

– Vermehrtes Hecheln

 

Gerade bei älteren Hunden schleichen sich schmerzhafte Zustände über lange Zeiträume ein. Wer täglich mit seinem Tier zusammen ist, kann die Entwicklung leicht übersehen. Meist sind es Außenstehende, die nach mehreren Tagen oder Wochen eine größere Veränderung bemerken und den Halter darauf hinweisen: „Dein Hund wird langsam alt“, mag es dann heißen. Mit dieser Feststellung ist meist weniger das Alter in Jahren gemeint, sondern der körperliche Zustand. Jeder Hundebesitzer sollte solche Hinweise nutzen, um sein Tier genauer zu beobachten und bei Zweifeln einen Therapeuten aufzusuchen.

Auch andere latente Entwicklungen können auf Erkrankungen hinweisen. So wird häufig lange Zeit ignoriert, dass der geliebte Vierbeiner viel mehr trinkt als früher. Der normale tägliche Wasserbedarf eines Hundes liegt bei 20 bis 50 Milliliter Wasser pro Kilogramm Körpergewicht. Das ist abhängig von der Fütterung – wer Trockenfutter frisst, muss mehr nebenbei trinken – sowie von Aktivität und Außentemperatur. Wenn aber der zehn Kilo leichte Beagle sich plötzlich kaum noch vom Wassernapf entfernt, wird es Zeit, den Flüssigkeitskonsum zu überprüfen. (Man misst morgens, wieviel Liter Wasser man in die Näpfe füllt und errechnet am nächsten Morgen die Differenz.)

Polydipsie – so heißt der krankhaft gesteigerte Durst – kann auf verschiedene Erkrankungen der Nieren oder des Hormonhaushalts hinweisen und ist immer ein Grund, den Hund untersuchen zu lassen. Meist wird anhand einer Blutanalyse herausgefunden, woran das Tier leidet.

Der ältere Hund braucht vielleicht nicht mehr so lange Spaziergänge und er schläft mehr, als die jugendlichen Artgenossen. Dennoch kann man sinnvoll Zeit mit ihm verbringen, zum Beispiel bei der Körperpflege. Wenn er sich die Krallen nicht mehr abläuft, müssen diese regelmäßig gekürzt werden (Tipp: Es gibt spezielle Schleifgeräte, mit denen man die Krallen zuhause in Form halten kann). Auch das Fell kann sich verändern und braucht mehr Pflege. Vielleicht genießt der Hund auch leichte Körpermassagen. Dabei kann der Hundehalter wunderbar auf Hautveränderungen achten. Gibt es Verdickungen oder Gewebeneubildungen? Das können kleine Knoten unterschiedlichster Natur sein: Grützbeutel (Atherome), Fettgeschwulste (Lipome), Warzen oder Tumoren. Wenn man eine Neuerscheinung nicht einordnen kann, sollte man sie möglichst bald einem Therapeuten vorstellen. Die meisten Zubildungen im Alter sind zwar gutartig – fast alle alten Hunde entwickeln Warzen und Lipome. Aber es ist immer besser, Gewebszubildungen kontrollieren zu lassen. Gleiches gilt, wenn der Vierbeiner an einer Körperstelle Schmerz zeigt, wenn er dort auf Berührung überreagiert. Viele alte Hunde haben Rücken- oder Gelenkbeschwerden, die man so fast zufällig finden kann.

Verändert sich das Haarkleid selbst, bilden sich Schuppen oder dünnt das Fell aus, reicht die Annahme, das liege am Alter, ebenfalls nicht aus. Ein glänzendes, dichtes Fell lässt ja in der Regel auf ein gesundes Tier schließen. Wird das Haar stumpf oder dünn, muss unbedingt die Ursache gefunden werden.

Nicht zuletzt möchte ich auf Probleme mit Herz und Kreislauf hinweisen. Fehlende Ausdauer, übertriebenes Hecheln als Zeichen von Atemnot, ein schneller Puls und nächtliche Unruhe können auf eine Herz-Kreislaufschwäche hinweisen. Hustet ein Hund regelmäßig am Anfang der Bewegung, kann das ebenfalls ein Alarmzeichen für eine Herzinsuffizienz sein.

Fazit: Es gibt nicht immer klare Symptome für Gesundheitsstörungen unserer besten Freunde. Deswegen ist es so wichtig, aufmerksam zu sein und Zeichen nicht zu ignorieren. Bei den meisten hier genannten Erkrankungen kann ein früher Therapiebeginn sowohl die Lebensqualität als auch die Lebenserwartung verbessern. Das ist manchmal gar nicht so aufwändig – aber es kann dem Hund-Halter-Team wertvolle Zeit schenken.

Link zum Buch: https://tierheilpraxis-nordfriesland.de/tierisch-grau/

 

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