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Die Sache mit der Dominanz

Kürzlich erzählte mir eine Bekannte, die in einer Apportiergruppe trainiert, von einem Rat ihres Trainers. Wenn ihr Hund dicht an ihrer linken Seite sitzt,  stellt er oft seine rechte Pfote auf ihren linken Fuß. Ihr Trainer sagte ihr, das müsse sie unbedingt unterbinden, denn das sei Dominanzverhalten.

Eine andere Bekannte hat gerade einen Welpen. Im Auto bringt sie ihn in einer Box im Heck unter. Öffnet sie die Box, bleibt der Welpe darin liegen und drängt nicht heraus. Auch wenn Sie ihn animiert, zur Boxenöffnung zu kommen, bleibt er lieber liegen. Eine Trainingsfreundin erklärte ihr, dass sie da durchgreifen muss. Denn der Welpe würde sie nur veräppeln.

 

Beides ist natürlich reinster Humbug. Im ersten Beispiel sitzt der Hund einfach so dicht an der Seite seiner Besitzerin, dass seine Pfote besser auf dem Schuh von Frauchen Platz hat. Im zweiten fühlt der Welpe sich in der Box einfach wohl oder ist müde. Kein Welpe ist „dominant“, wie auch die wenigsten Hunde an sich.

Doch was ist eigentlich Dominanz? Kurz gesagt verhält derjenige sich dominant, der die Freiheiten oder den Bewegungsradius eines anderen zeitweise oder situationsabhängig einschränkt. Es ist also kein andauernder Zustand und es gehören immer zwei dazu – der, der dominiert und der, der dominiert wird.  Dominanz hat außerdem nichts mit Gewalt zu tun.

Auch dazu ein Beispiel: Der eine Hund einer Freundin (sie hat zwei) legt sich gern mal in das Bett des anderen. Das ist in Ordnung, solange der andere sein Bett nicht braucht. Aber wenn der eigentliche Besitzer findet, dass sein Kumpel nichts  darin zu suchen hat, stellt er sich groß vor sein Bett und schaut dem anderen „ernst“ in die Augen. Und der räumt das fremde Bett umgehend.

 

Dominanz contra Training

Bei diesem Thema prallen mittlerweile Welten aufeinander. Sind manche immer noch der Meinung, dass jeder Hund die Weltherrschaft anstrebt oder Ungehorsam in erster Linie dominantes Verhalten ist, gibt es auf der anderen Seite die, die jegliche einschränkende Maßnahme im Umgang mit dem Hund unter „Gewalt“ verbuchen, die den Hund verängstigt. Doch es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß.

Fakt ist, dass der Hund auf ein Leben in einem sozialen Verband ausgerichtet ist, in dem es auch Regeln gibt. Durch die Domestizierung und gezielte Zucht ist er so gut an das Leben mit dem Mensch angepasst, dass er diesen als echten Sozialpartner sieht und, je nach Rasse, meist gern  kooperiert. Wie die wilden Verwandten braucht er jedoch einen erfahrenen „Teamchef“, der Entscheidungen trifft, für ihn sorgt, ihn beschützt, die Regeln für das Zusammenleben festlegt und dafür sorgt, dass sie eingehalten werden. Das ist in einer Wolfsfamilie nicht anders.

 

Training, Präsenz, Management

Klar ist, dass im Zweifel nicht der Hund es ist, der seinen Zweibeiner in irgendeiner Art einschränkt. Er bestimmt also beispielsweise nicht, ob oder wann Sie auf Ihr Sofa dürfen. Doch soweit kommt es nicht, wenn man sich wie ein Teamchef verhält. Welche Eigenschaften sind dafür nötig? Ein Teamchef verhält sich souverän. Er ist unaufgeregt, „cool“, klar, nicht launisch, konsequent, verlässlich und weiß immer, was zu tun ist.  Er strahlt Ruhe und eine natürliche Autorität aus. So gibt er dem Hund Sicherheit und Geborgenheit. Das braucht der Vierbeiner! Wirkt der Zweibeiner nicht oder zu wenig so, kommt es auf den Hund an, wie er reagiert. Der eine macht dann einfach nur sein Ding, der unsichere fühlt sich mit Vielem total überfordert, Vierbeiner mit einer starken Persönlichkeit haben das Gefühl, die Dinge nun selbst regeln zu müssen.

 

Der Grundgehorsam

Ein zuverlässiger Grundgehorsam ist eine Versicherung für Mensch und Hund. Ohne ihn kommt man in unserer dicht besiedelten Gegend nicht aus, sofern man den Vierbeiner nicht überwiegend an der Leine lassen will. Grundgehorsam heißt, den Hund kontrollieren zu können. Je besser der Hund auf Sie hört, umso mehr Freiheiten kann man ihm gewähren. Trainiert werden diese Basics ausschließlich in kleinen Schritten mit positiver Verstärkung. Das heißt, anfangs wird der Hund mittels Happen in die entsprechende Position gelenkt und dann belohnt. Dann wird ein entsprechendes Kommando verknüpft.  Begonnen wird ohne Ablenkung, erst nach und nach kommt sie dazu. Immer mit Belohnung!

Da wir nicht im Labor leben und ein Hund keine Maschine ist, kann es trotz gutem Training ab und an mal passieren, dass er etwas nicht macht oder eine Übung selbst beendet, obwohl er sie schon kann. Dann sollte der Zweibeiner seine Anweisung einfordern, auch wenn der Hund vielleicht gerade nicht so viel Lust dazu hat. Nehmen wir an, Sie haben „Sitz“ gesagt. Der Hund setzt sich aber nicht, weil er gerade etwas Interessanteres wahrgenommen hat. Sie können sich nun vor ihn stellen, einen Schritt auf ihn zu machen und ruhig und verbindlich das „Sitz“ wiederholen. Er geht dadurch mit dem Vorderkörper etwas zurück und sitzt. Oder man steht neben ihm, stupst ihn an und wiederholt das Kommando. Auch ein leichter Druck auf das Hinterteil erinnert ihn samt „Sitz“ an das Ihre „Anweisung“. Anschließend wird er gelobt.  Alle drei Varianten schüchtern den Vierbeiner weder ein, noch zerstören sie die Beziehung zwischen Mensch und Hund. Es ist eine Sache Ihrer Präsenz. Der Vierbeiner weiß, dass Sie meinen, was Sie sagen. Darauf kommt es an. Wer hier vermeintlich großzügig ist, schadet seinem Hund letztlich. Denn man lässt ihn so im Unklaren darüber, wie er es richtig macht.  Er kann nicht erkennen, wann „Sitz“ für Sie ganz wichtig oder weniger wichtig ist! Die Folge ist, dass ein Kommando vor allem dann nicht klappt, wenn es wichtig wäre. Ist immer nur ein Leckerchen oder Ähnliches der Anreiz, Ihren „Anweisungen“ zu folgen, wird es spätestens dann schwierig, wenn der andere Reiz interessanter als der Happen ist.

Aber Achtung! Passiert es öfter, dass der Vierbeiner ein Kommando nicht befolgt, hat der Hund etwas noch nicht verstanden oder es ist noch nicht genug gefestigt. Dann heißt es erst mal, das Training zu überdenken und Defizite auszugleichen.

 

Was der Hund selbst entscheiden kann

Kontrolle über den Hund heißt keinesfalls, jeden seiner Schritte vorzugeben. Er kann sich zuhause hinlegen, wo er will. Nicht nur auf sein Hundebett. Er kann mit seinen Spielsachen spielen, wann er mag. Auf dem Spaziergang kann er schnüffeln und rennen oder Artgenossen treffen, wo es problemlos möglich ist. Trotzdem sollte er Sie aber stets im Auge behalten.  Viele Vierbeiner mögen es, wenn man zwischendurch ein paar Übungen, egal ob Basics oder Geschicklichkeitsübungen, macht. Als ich kürzlich an einem Baumstamm vorbei gegangen bin, über den ich meine Hündin ab und zu balancieren lasse, hat sie sich von selbst darauf gesetzt. Also habe ich Leckerchen darauf verteilt und sie die beim Balancieren aufsammeln lassen. Wenn ich sie animieren würde, sie aber keine Lust hätte, wäre das ok. Das ist ja keine Gehorsamsübung.

 

Wenn der Hund etwas anderes will

Manchmal ist es notwendig, den Vierbeiner zu lenken, wenn er etwas macht, was Sie nicht wollen. Dazu ein paar Beispiele:

– Wer zwei Hunde hat, erlebt es manchmal, dass sie zu sehr aufdrehen und toben. Dann gehen Sie bestimmt, aber ohne jegliche Hektik dazwischen und halten jeden gegebenenfalls kurz fest. Ein ernstes „Nanana“ unterstreicht das noch. Auch hier sind Sie präsent. Das ist normale Kommunikation und weder Psychoterror, noch Gewalt. Jeder Vierbeiner kann sich dann mit etwas anderem beschäftigen.  Nur getobt wird nicht mehr.

– Soll der Verbeiner grundsätzlich nicht in die Küche, kann man ihn körpersprachlich hinausdrängen oder immer wieder seinen Weg kreuzen,  so dass es ihm zu unbequem wird und er lieber was anderes macht. Weder muss er auf seinen Platz gehen noch sonst eine bestimmte Übung ausführen. Er soll lediglich nicht in die Küche.  Ist er draußen, bestätigen Sie ihn mit stimmlichem Lob.

– Eine weitere Option ist die Belohnung eines bereits eingeübten Alternativverhaltens. Das macht vor allem dort Sinn, wo der Hund damit statt mit dem unerwünschten Verhalten sein Ziel erreicht. Zum Beispiel wird der Vierbeiner nicht begrüßt, wenn er an einem hochspringt, sondern wenn er sich stattdessen setzt. Oder er wird nicht mit Freilauf belohnt, wenn er zerrend in der Leine hängt, sondern nachdem er sich im Sitzen ableinen lässt und Sie anschaut.

 

Management

Wer hundegerecht mit seinem Vierbeiner umgeht und ein guter Teamchef ist, wird nur ab und zu die eine oder andere „Diskussion“ mit dem Hund haben. Das ist auch gut so, denn es ist wäre nicht erstrebenswert, ständig Konflikte auszutragen. Ist das der Fall, stimmt etwas nicht zwischen Hund und Mensch.

Für so manches „Problemfeld“ oder wenn jemandem Teamchefeigenschaften fehlen, hilft Management. Dadurch lassen sich Konflikte schon im Vorfeld vermeiden. Ein typischer Fall wäre etwa ein besonderes Beet im Garten, das für den Vierbeiner aber tabu sein soll.  Anstatt ihn jedes Mal weg zu holen oder zu „schimpfen“, wenn er wieder im Beet steht oder buddelt, zäunen Sie das Beet entsprechend ein. So können alle entspannt bleiben.

Zum obigen Beispiel Küche gibt es auch die Alternative, die Küche mit einem Kinderabsperrgitter zu „verbarrikadieren“. Hat der Hund sich über längere Zeit daran gewöhnt, nicht in die Küche zu gehen, wird er das auch ohne Gitter beibehalten. Ein stimmliches Lob, wenn er die Küche verlässt ist zusätzlich gut.

Begegnet Ihnen draußen etwas, das dem Hund suspekt ist und ist es nicht möglich, die Ursache mit ihm zusammen zu erkunden, nehmen Sie ihn an die Leine und führen ihn mit Hilfe eines leckeren Happens mit Abstand daran vorbei.

Die Leine ist unterwegs übrigens grundsätzlich ein probates Mittel, um unterschiedlichste Situationen zu mangen. Benutzen Sie sie auch!

 

Unterschiedliche Persönlichkeiten

Sowohl wir Menschen, als auch Hunde haben unterschiedliche Persönlichkeiten. Sehr führige Hunde etwa sind hochkooperativ und  orientieren sich sehr stark an ihrem Mensch. Andere wieder verfolgen gern auch eigene Ziele und nutzen es rasch aus, wenn ihr Mensch zu unklar bleibt. Was nichts mit Dominanz zu tun hat. Sondern einfach damit, dass der Hund lernt, was ihm etwas bringt und was nicht.

Deshalb ist es von Vorteil, seinen Vierbeiner und sich möglichst genau einschätzen zu können. Und vor allem den Hund zu haben, der am besten zu einem passt.  Überlegen Sie, was Ihnen wichtig ist im Zusammenleben und wie Sie das individuell Ihrer und der Art Ihres Hundes entsprechend umsetzen können. Es gibt fast immer mehrere Wege.

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